Sensomotorische Amnesie – Vom Gehirn vergessene Orte im Körper

Was genau ist die Sensomotorische Amnesie und wie entsteht sie eigentlich?

Die sensomotorische Amnesie (SMA) bezeichnet das Nichterinnern der sensomotorischen Rindenfelder im menschlichen Gehirn, welche für das Spüren (Sensorik) und Steuern (Motorik) der Muskulatur zuständig sind. Meist entsteht eine sensomotorische Amnesie durch unbewusste und lange andauernde Muskelanspannung während chronischer Belastungsphasen (durch körperlichen oder psychischen Stress) oder nach einem Trauma.

Die Graphik rechts gibt Ihnen (Vergrößern durch Klick auf die Graphik) einen schnellen Überblick über den Teufelskreis aus Stress, Entstehung der sensomotorischen Amnesie, unbewussten Verspannungen und daraus resultierenden Beschwerden. Im darauf folgenden Text wird dieser Kreislauf ausführlicher erklärt und es werden wirksame Therapieformen genannt und kurz erläutert.

Ausgangszustand: aufrechte Haltung, folgende Stressphase 1

Entstehung der sensomotorischen Amnesie (SMA) nach Thomas Hanna

Wie oben erwähnt beschreibt die sensomotorische Amnesie (SMA) das Nichterinnern der sensomotorischen Rindenfelder im menschlichen Gehirn, welche für das Spüren (Sensorik) und Steuern (Motorik) der Muskulatur zuständig sind. Meist entsteht eine sensomotorische Amnesie durch unbewusste und lange andauernde Muskelanspannung während chronischer Belastungsphasen (körperlicher oder psychischer Stress) oder nach einem Trauma.

Im Folgenden wird veranschaulicht, wie eine sensomotorische Amnesie stressbedingt entsteht und wie diese zur Entstehung einer Depression beitragen kann:

Ausgehend von der gelösten, aufrechten Haltung (Graphik oben) sieht man, dass zu Beginn von Stressphase 1 noch ein normales, inneres Abbild von Kopf und Schulterbereich im menschlichen Gehirn (zentrales Nervensystem) existiert. Das Abbild ist präzise und klar, so wie der Körper tatsächlich aussieht. Dauerstress und Zeitdruck in Stressphase 1 führen dann zu Verspannungen in der Muskulatur, weil das „Tierhirn“ (eine unbewusste Schutzreaktion, mehr dazu hier) den Muskeltonus im ganzen Körper erhöht.

Stressphase 2

Zu Beginn von Stressphase 2 (Illustration unten) kann man bereits erkennen, wie sich das Abbild des Körpers im Gehirn nachhaltig verändert hat (Illustration links). Es wird unpräzise, verschwimmt und es entsteht eine „sensomotorische Amnesie“: blinde Flecken auf der Körperlandkarte, die das Gehirn nicht mehr bewusst spüren und bewegen kann.

Stressphase 3 – körperliche und pychische Symptome der Depression

Wie die Graphik veranschaulicht sind zu Beginn von Stressphase 3 bereits Schultern und Kopf (im Gehirn) nicht mehr richtig bewusst wahrnehmbar, die Muskeln dauerangespannt. Dies führt oft zu Desorientierung, Schwindelgefühlen, Schulter- und Nackenbeschwerden und oft auch zu Migräne/Spannungskopfschmerzen. Da zum Muster der Anspannung auch ein Anhalten des Atems gehört, entstehen so oft auch Ängste/Panikattacken oder ein Burnout/eine Depression (vgl. eingesunkene Körperhaltung in der Grafik unten).

Der gesamte Kreislauf kann in großer Auflösung (ca. 1 mb) hier als Illustration heruntergeladen werden.

Folge der sensomotorischen Amnesie: Blockaden im Bewegungsapparat (parasitäre Muskelkontraktionen)

Die sensomotorische Amnesie führt meistens zu Blockaden im Bewegungsapparat, weil vergessene Muskeln bei einer Bewegung nicht – wie an sich notwendig – Spannung lösen können. Dies ist wichtig im Zusammenhang mit dem Wechselspiel zwischen Agonisten (Spielermuskeln) und Antagonisten (Gegenspielermuskeln) und wird hier am Beispiel des Wechselspiels zwischen Bizeps und Trizeps, welche beide beim Beugen des Arms beteiligt sind, verdeutlicht (s. Animation):

Wechselspiel zwischen Agonist und Antagonist anhand eines einfachen Beispiels

Wechselspiel zwischen Agonisten und Antagonisten

Beim Beugen des Arms nähert der Bizeps durch Anspannung die Knochen des Ober- und Unterarms einander an, während der Trizeps diese durch Anspannung voneinander entfernt. Auf die Annäherung von Oberarm- und Unterarmknochen bezogen wirkt der Trizeps nun antagonistisch (“behindernd, gegensätzlich”). Bleibt dieser also, wenn der Bizeps angespannt wird (mit der Absicht, den Arm zu beugen), angespannt, so verhindert oder erschwert dies die Ausführung der gewollten Bewegung. Feldenkrais nannte diese eine “parasitäre Kontraktion”, weil das “Tierhirn” (s.o.) durch unbewusste Anspannung der gewollten Bewegung entgegen wirkt. Zusammen  mit einem insgesamt sehr hohen Muskeltonus sind parasitäre Kontraktionen in der Muskulatur wohl der wesentliche Faktor bei der Entstehung von unspezifischen, chronischen Schmerzen: Das bedeutet diese resultieren immer aus Verspannungen in Muskulatur und Bindegewebe, wobei diese Verspannungen zentralnervös (von unbewussten Gehirnteilen) gesteuert und aufrecht erhalten werden. Es handelt sich hierbei ebenfalls um einen Teufelskreis, welcher nur durch verschiedene, therapeutische Ansätze gebrochen werden kann.

Therapiemethoden

Therapiemethoden

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, um sensomotorische Amnesien zu therapieren. Die wirksamsten werden im Folgenden vorgestellt.

Allgemein gilt: Besonders wirksam sind Methoden, durch welche das Gehirn nach und nach lernt, wieder bewusst Zugang zu den sensorischen und motorischen Rindenfeldern zu bekommen und diese gezielt anzusteuern. Dadurch verringert sich nach und nach auch der Muskeltonus im gesamten Körper und es kommt zur Entwicklung eines besseren Körperbewusstseins. Da bei dem für die Physiotherapie typischen Muskeltraining (dahinter steckt der logische Denkfehler, dass die Muskeln das Gewicht tragen) immer das Anspannen der Muskeln im Vordergrund steht, wirkt dieses leider gar nicht bei der SMA und wirkt sich oft – durch den Aufbau (anstatt von Abbau) von zusätzlicher (unbewusster) Anspannung – negativ auf die Entwicklung chronischer Schmerzsymptomatiken aus.

Die Methoden im Einzelnen:

     1. Pandiculations nach Thomas Hanna

Durch sensomotorisches Feedback von Seiten des Therapeuten kann man lernen, unwillkürlich angespannte Muskeln (Muskeln, welche man bewusst nicht gut spürt und nicht entspannen kann) zunächst noch stärker anzuspannen und dann allmählich die Spannung zurück zu nehmen. Die Muskeln entspannen sich so von mal zu mal immer mehr. Im Idealfall lassen sie sich dann wieder in vollem Umfang bewusst bewegen und sind wieder voll spürbar. Das Verfahren ähnelt der Progressiven Muskelentspannung nach Jacobson, ist aber noch individueller auf die unterschiedlichen Spannungsmuster der Patienten ausgerichtet.

Wenn die Pandiculations nicht ausreichend sind zur Lösung der Muskelverspannung und der Wahrnehmungsstörung, lassen sich meist noch punktuelle Verspannungen in der Muskulatur finden:

2. Aktive Triggerpunkt- oder Myogelosenbehandlung der Muskulatur

Hierbei handelt es sich um eine punktuelle Massage der Muskulatur oder des Bindegewebes, wodurch sich die meisten Schmerzpunkte schnell auflösen und so typischerweise auch das Schmerzsyndrom verschwindet.

     3. Kinetisches Spiegeln

Manche Muskeln sind so stark verspannt, dass ein Lösen der Verspannungen durch Methoden wie die Triggerpunktebehandlung oder das Pandiculieren gar nicht möglich ist. In diesem Fall kann man dem zentralen Nervensystem (Gehirn), welches die Spannung in der Muskulatur erzeugt, die „Arbeit abnehmen“. Wenn das Gehirn verstanden hat, dass zur Aufrecherhaltung des Schutzmusters nun „Hilfe von außen da ist“, löst es die Muskelspannung ein Stück weit, sodass anschließend mit den anderen Methoden weitergearbeitet werden kann.

4. Sensomotorisches Lernen nach Feldenkrais und Körperbewusstseintraining

Ist erstmal Spannung in der Muskulatur gelöst, ist es natürlich für den Patienten ebenso wichtig, dass er nachhaltig etwas von der Therapie hat und nicht – durch die nächste Stresssituation oder alte Gewohnheiten – sofort wieder in seinen Schmerzkreislauf zurück fällt. Durch sensomotorisches Lernen nach Feldenkrais und Körperbewusstseinstraining versteht der Patient nach und nach, wie er selbst zur Aufrechterhaltung dysfunktionaler (Bewegungs-)Muster beiträgt und was er tun kann, damit Schmerzen auch in Stresssituationen seltener oder gar nicht mehr auftreten.

Wenn Sie auch eine sensomotorische Amensie haben können Sie Diplompsychologe Martin Rosenauer hier kontaktieren um einen Termin zu vereinbaren.

Bildquellen:

– Wechselspiel Agonist vs. Antagonist: http://www.sportunterricht.de/lksport/agoanta.gif

– „Homunculus-de“ von User:Ayacop – Eigenes Werk. Lizenziert unter Gemeinfrei über Wikimedia

Commons – https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Homunculus-de.svg#/media/File:Homunculus-de.svg

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