Es gibt Momente, in denen jemand für Sekunden nicht mehr da ist. Der Blick geht ins Leere, der Satz bricht ab, die Umgebung rückt weg. Danach ist der Faden verloren. Wer das erlebt, ist verunsichert, und wer es beobachtet, meist ebenso.
Solche Aussetzer haben sehr unterschiedliche Ursachen. Manche sind neurologisch, manche kreislaufbedingt, manche hängen mit Atmung und Anspannung zusammen, manche mit Erfahrungen, die im Nervensystem nicht abgeschlossen wurden. Dieser Text ordnet die Ebenen und benennt, wo hypnotherapeutische und körperpsychotherapeutische Arbeit einen sinnvollen Platz hat und wo nicht.
Kurz gesagt: Eine echte epileptische Absence ist ein epileptischer Anfall und gehört neurologisch behandelt. Es gibt jedoch andere Bewusstseins- und Anfallsereignisse, etwa Synkopen sowie funktionelle oder dissoziative Anfälle, die ähnlich aussehen können. Deshalb steht vor jeder psychotherapeutischen Einordnung die neurologische Abklärung.
Zuerst: die ärztliche Abklärung
„Absence" ist ein neurologischer Fachbegriff und bezeichnet unter anderem eine bestimmte Form epileptischer Anfälle. Neu auftretende Aussetzer, Bewusstseinsstörungen oder anfallsartige Ereignisse gehören deshalb zuerst in neurologische Abklärung: EEG, gegebenenfalls Video-EEG, kardiologische Untersuchung.
Hypnose ersetzt keine dieser Untersuchungen und keine notwendige medizinische Behandlung. Diese Reihenfolge ist nicht verhandelbar: erst die Abklärung, dann alles Weitere.
Der Begriff „neurologische Dysfunktion" allein sagt dabei wenig. Er benennt eine Funktionsstörung des Nervensystems, aber keine bestimmte Erkrankung. Entscheidend ist, welche konkrete Diagnose vorliegt.
Neurologisch und psychisch sind kein Gegensatz
Eine neurologische Diagnose schließt nicht aus, dass Stress, Anspannung oder Belastungen mitwirken. Umgekehrt darf eine psychische Belastung nicht dazu führen, körperliche Symptome vorschnell wegzuerklären.
Bei funktionellen neurologischen Störungen sind die Beschwerden real, obwohl keine strukturelle Schädigung sie erklärt. Sie entstehen auf der Ebene der Regulation, nicht der Struktur. Diese Diagnose wird über eigene klinische Zeichen gestellt: sie ist nicht das, was übrigbleibt, wenn man sonst nichts findet, und sie setzt kein Trauma und keinen psychischen Auslöser voraus.
Das körperliche Muster: Schultern hoch, Atem flach
Viele Betroffene berichten dasselbe Muster: Unter Anspannung gehen die Schultern hoch, der Kopf zieht sich zwischen die Schultern, der Nacken verkürzt sich, die Atmung wird flach und wandert nach oben in den Brustkorb.
Das kann seinerseits Benommenheit und Wegtreten begünstigen. Entscheidend ist dabei nicht die flache Atmung an sich: Wenn die Atmung unter Anspannung stärker wird, als es der aktuelle Stoffwechselbedarf erfordert, kann der Kohlendioxidgehalt im Blut sinken. Die Gefäße im Gehirn verengen sich dann reflektorisch, und die Folge sind Benommenheit, Sehstörungen, Kribbeln, ein Gefühl von Unwirklichkeit, bis hin zum kurzzeitigen Wegtreten.
Das ist kein mechanisches Abschnüren von Nerven, sondern ein Regulationsvorgang, und genau deshalb therapeutisch zugänglich. Atmung, Körperwahrnehmung und autonome Aktivierung sind Ebenen, auf denen hypnotherapeutische Arbeit direkt ansetzen kann.
Woher es kommt, ist unterschiedlich und häufig unspektakulär. Wer über Jahre gelernt hat, Auseinandersetzungen eher auszuweichen als sie auszutragen, hält den Körper dauerhaft in einer Art Dauerbereitschaft. Das funktioniert kurzfristig gut, deshalb wird es beibehalten. Nur läuft die Bewegung dabei nie zu Ende: Der Körper macht sich bereit und kommt nie an. Jedes Mal bleibt ein Rest Anspannung stehen, und aus vielen kleinen Resten wird eine Grundspannung, die irgendwann nicht mehr auffällt, bis der Körper mit Benommenheit oder Aussetzern darauf hinweist. Dafür braucht es kein belastendes Ereignis.
Vielleicht kennen Sie das gar nicht als Angst.
Vielleicht kennen Sie es als Effizienz. Als schnell reagieren. Als lieber ausweichen, statt lange zu diskutieren. Als den unangenehmen Termin irgendwie hinter sich bringen. Als im Gespräch schon die nächste Antwort vorbereiten, statt einen Moment stehenzubleiben.
Von außen sieht das oft vollkommen funktional aus, häufig sogar souverän. Im Körper kann dabei trotzdem immer dieselbe Bewegung entstehen: hochziehen, festhalten, weiter.
Die interessante Frage ist deshalb nicht, ob Sie ängstlich sind. Sondern ob Ihr Körper Situationen regelmäßig verlässt, bevor er wirklich wieder bei null angekommen ist.
Der Hals als Engstelle: was daran stimmt
Viele Betroffene vermuten hinter ihren Beschwerden etwas Mechanisches: die Verspannung drücke auf irgendetwas. Diese Vermutung ist nicht abwegig, sie trifft nur an anderer Stelle zu, als meist angenommen wird. Der Reihe nach.
Der Hals arbeitet beim Atmen mit. Die tiefen seitlichen Halsmuskeln und die großen Kopfwender sind Atemhilfsmuskeln. Werden sie dauerhaft verkürzt gehalten, ziehen sie den oberen Brustkorb in eine Stellung, als hätte man gerade eingeatmet und nicht wieder losgelassen. Das Zwerchfell (der eigentliche Atemmuskel) verliert dadurch Bewegungsraum, und die Atmung verlagert sich nach oben. Hier braucht es keinen Druck auf irgendeinen Nerv; die reine Mechanik genügt.
Zwerchfell und Hals hängen auch nervlich zusammen. Der Nerv, der das Zwerchfell steuert, entspringt im Halsbereich und verläuft direkt auf einem dieser seitlichen Halsmuskeln. Diese Nachbarschaft erklärt, warum Hals und Zwerchfell funktionell so eng zusammengehören. Sie bedeutet aber nicht, dass Verspannung diesen Nerv einklemmt; dafür gibt es keine belastbare Grundlage.
Echte Engstellen gibt es. Zwischen den seitlichen Halsmuskeln, der ersten Rippe und dem Schlüsselbein verläuft ein Nerven- und Gefäßbündel durch eine tatsächlich enge Passage. Wird sie über Jahre zusammengezogen, kann daraus ein eigenständiges Beschwerdebild entstehen: mit Kribbeln, Schwere oder Kraftverlust in Arm und Hand. Dass anhaltender Druck die Funktion eines Nervs verändert, ist unstrittig.
Der Hals meldet dem Gehirn, wo oben ist. Das ist der Punkt, den kaum jemand kennt. In den kurzen Muskeln direkt unter dem Hinterkopf sitzen außergewöhnlich viele winzige Messfühler, um ein Vielfaches mehr als in anderen Muskeln. Sie melden laufend, wie der Kopf gerade steht, und diese Meldung wird im Gehirn mit dem verrechnet, was Gleichgewichtsorgan und Augen sagen.
Bei anhaltender Spannung oder veränderter Funktion dieser Muskulatur kann sich auch ihre Meldung verändern. Als eine mögliche Erklärung für den sogenannten zervikogenen Schwindel wird diskutiert, dass dadurch ein Widerspruch zwischen den Informationen aus Hals, Gleichgewichtsorgan und Augen entsteht. Betroffene beschreiben dann eher Benommenheit und Unsicherheit als klassischen Drehschwindel.
Zwei Einschränkungen gehören unmittelbar dazu. Erstens die Reihenfolge: Diese Erklärung kommt zuletzt, nicht zuerst: sie darf erst in Betracht gezogen werden, wenn Innenohr, Kreislauf und neurologische Ursachen geprüft sind. Zweitens die Reichweite: Sie betrifft Benommenheit und Unsicherheit. Eine echte Absence oder eine Ohnmacht erklärt sie nicht. „Nackenverspannung verursacht Aussetzer" wäre eine unzulässige Verkürzung.
Bemerkenswert ist an ihr, dass sie ohne jeden Druck auf irgendetwas auskommt: es geht nicht um Einklemmung, sondern um eine Information, die nicht mehr sauber ankommt. Gerade weil hier sensorische Verarbeitung und Körperwahrnehmung eine Rolle spielen können, ist dieser Mechanismus therapeutisch interessant: Wahrnehmung und Bewegung lassen sich differenzieren und neu organisieren.
Was dagegen nicht stimmt: die Vorstellung, Nackenverspannung könne die Nerven abdrücken, die das Herz steuern, und so Aussetzer verursachen. Diese Nerven liegen tief und geschützt an der Vorderseite der Halswirbelsäule, hinter der großen Gefäß-Nerven-Scheide. Die Muskeln, die sich bei „Schultern hoch" anspannen, bilden dort keine Engstelle. Sie werden diese Erklärung im Internet finden; sie hält anatomisch nicht.
Für Herz und Kreislauf ist der zutreffende Zusammenhang ein anderer und kein mechanischer: Dauerhafte Anspannung verschiebt das Gleichgewicht zwischen den beiden Ästen des vegetativen Nervensystems und verändert, wie fein der Kreislauf reguliert wird. Das ist kein Engpass, sondern eine Einstellung, und Einstellungen lassen sich verändern.
Ein Punkt ist dabei wichtig genug, um ihn ausdrücklich zu nennen: Schnelle, zu tiefe Atmung kann bei entsprechend veranlagten Menschen auch echte Absencen auslösen; sie wird in der Diagnostik sogar gezielt dafür eingesetzt. Wenn Ihre Aussetzer mit Anspannung und veränderter Atmung zusammenhängen, spricht das also nicht dafür, dass „nichts Körperliches" dahintersteckt. Es ist eher ein Grund, genauer hinzuschauen.
Auch hier gilt: Ein plausibler Stressmechanismus ersetzt die Abklärung nicht. Wegtreten unter Anspannung kann Kreislauf, Atmung, eine funktionelle Reaktion oder ein epileptisches Ereignis sein. Diese Unterscheidung trifft die ärztliche Diagnostik, nicht die Beschreibung.
Warum ich Ihnen hier keine einzelne Ursache nenne
An dieser Stelle erwarten viele einen Satz wie: Es liegt an der Verspannung. Oder: Es ist der Stress. Diesen Satz bekommen Sie von mir nicht, und das hat einen Grund.
Unter anhaltender Belastung können sich nach und nach Grundeinstellungen verändern: Muskelspannung, Atemmuster, Kreislaufregulation und die Schwelle, bei der Alarm ausgelöst wird. Zusammen kann daraus ein Kreis entstehen, der sich selbst aufrechterhält: Anspannung verändert die Atmung, die Atmung begünstigt Symptome, die Symptome erzeugen Sorge, die Sorge wiederum Anspannung. Ist ein solcher Kreis einmal etabliert, muss sein ursprünglicher Beginn nicht mehr der entscheidende therapeutische Ansatzpunkt sein.
Deshalb halte ich beide gängigen Kurzschlüsse für falsch: den einen, der sagt, es sei alles psychisch, und den anderen, der sagt, es sei alles die Muskulatur. Beide suchen nur in verschiedenen Etagen nach demselben einen Schuldigen. Was ich stattdessen tue: an der zugänglichsten Stelle ansetzen, schauen, was das System antwortet, und daraus schließen, wo weitergearbeitet wird. Wenn dabei eine belastende Vorgeschichte auftaucht, ist sie ein Faktor unter mehreren, nicht der Schlüssel, der alles aufschließt.
Nicht jede heftige Reaktion ist ein Trauma
An dieser Stelle entsteht regelmäßig ein Missverständnis, das in beide Richtungen schadet. Die Annahme lautet: Wer heftig reagiert, muss ein Trauma haben. Sie stimmt so nicht.
Eine Prüfung, ein Streit, ein Beinahe-Unfall, eine unangenehme Untersuchung können den Körper vollständig in Alarm versetzen: Herzrasen, Zittern, Enge im Brustkorb, Benommenheit. Das ist eine starke Reaktion, und dennoch kein Trauma. Sie baut sich auf, erreicht einen Höhepunkt und klingt wieder ab. Danach bleibt Erschöpfung, dann Erholung. Das Erlebnis fügt sich in die eigene Geschichte ein: Es war schlimm. Es ist vorbei.
In der Natur lässt sich ein solcher Ablauf beobachten. Nach akuter Gefahr zeigen Tiere häufig zunächst Reglosigkeit, dann einen ersten tiefen Atemzug, dann Zittern, und anschließend die Rückkehr zu normalem Verhalten. Der Verlauf ist einmal ganz durchlaufen worden, von der Anspannung bis zur Beruhigung.
Eine Schockreaktion verläuft anders. Sie bricht mitten in der Bewegung ab. Das System kommt nicht zum Höhepunkt und nicht zum Abklingen, sondern erstarrt oder schaltet ab. Die Aktivierung bleibt stehen, und mit ihr das Erlebnis. Von innen fühlt sich das oft an, als säße man plötzlich hinter einer Glasscheibe: alles noch da, aber nicht mehr ganz erreichbar.
Nicht die Heftigkeit entscheidet. Wichtiger ist, ob sich das System danach wieder vollständig regulieren konnte.
Was danach geschah, entscheidet mehr als das Ereignis
Bei Tieren läuft dieser Kreis meist von allein zu Ende. Beim Menschen ist das anders. Wir kommen unreif zur Welt, und unsere Fähigkeit, uns zu beruhigen, entsteht nicht allein; sie entsteht zwischen Körpern, Stimmen, Blicken und Rhythmen. Deshalb ist die entscheidende Frage nicht nur, was passiert ist, sondern: Was geschah danach? War jemand da? Gab es Halt? Konnte sich das System beruhigen und zu Ende fühlen?
Ein Kind fasst auf eine heiße Herdplatte. Hitze, Schmerz, Schreck, für einen Moment intensive Angst. Kommt unmittelbar Halt und Beruhigung hinzu (jemand hält, kühlt, bleibt da), kann sich die Reaktion leichter wieder regulieren; neben die erste Erfahrung legt sich eine zweite: Ich bin nicht allein. Es gibt Halt. Es gibt ein Danach. Kommt niemand, oder erschrickt das Gegenüber selbst so sehr, dass zum Schreck des Kindes noch ein zweiter hinzukommt, fehlt genau diese zweite Erfahrung.
Wie tief eine Erfahrung nachwirkt, hängt deshalb nicht nur von der äußeren Größe des Ereignisses ab, sondern auch davon, wie allein jemand damit war und welche Regulation danach möglich wurde.
Vielleicht war das Entscheidende in Ihrer Geschichte deshalb gar nicht das Dramatischste. Vielleicht war es ein Moment, den heute niemand erwähnenswert fände: nur dass Sie damals allein damit waren. Oder dass sofort weitergemacht wurde. Oder dass alle lachten, obwohl es sich für Sie überhaupt nicht lustig anfühlte.
Die Frage lautet dann nicht nur: Was ist mir passiert? Sondern auch: Bei welchem Erleben gab es für mich damals kein Danach?
Woran der Unterschied im Alltag spürbar wird
- Eine starke Reaktion lässt sich später zusammenhängend erzählen, mit Anfang und Ende. Eine Schockreaktion hinterlässt Lücken, Bruchstücke, Bilder ohne Zeitgefühl.
- Eine starke Reaktion bleibt Vergangenheit: „Es war schlimm." Eine Schockreaktion wird in bestimmten Situationen wieder Gegenwart: „Es ist wieder da."
- Nach einer starken Reaktion reguliert sich der Körper vollständig zurück. Nach einer Schockreaktion bleibt eine Grundspannung, oder eine Grundtaubheit.
- Spätere Auslöser stehen bei einer starken Reaktion im Verhältnis zur tatsächlichen Belastung. Bei einer Schockreaktion genügt ein kleiner Reiz: ein Geruch, ein Tonfall, eine Enge, eine Körperhaltung.
Diese vier Punkte sind Anhaltspunkte, keine Checkliste. Sie kommen gemischt vor, und keiner davon beweist für sich etwas; sie zeigen nur, wo genauer hinzusehen sich lohnt.
Das letzte Muster ist wie ein Rauchmelder, den jemand auf höchste Empfindlichkeit gestellt hat. Damals war das sinnvoll: lieber einmal zu oft Alarm als einmal zu spät. Nur hat ihn seither niemand neu justiert, und so schrillt er heute auch beim Toast, der etwas zu dunkel gerät.
Es braucht nicht immer ein Ereignis
Häufig lässt sich gar kein einzelner schlimmer Moment benennen. Dann waren es viele kleine Erfahrungen, jede für sich harmlos: das Übergangenwerden, die Kühle, das knappe Abräumen von Einwänden, die Unberechenbarkeit. In der Summe entsteht daraus keine Erinnerung, sondern eine Atmosphäre, und ein System, das für bestimmte Situationen besonders empfindlich wird.
Dass kein Ereignis erinnerbar ist, spricht deshalb nicht gegen einen Zusammenhang. Manchmal gab es auch eines, nur hat es niemand als solches registriert, weil es als Spiel gerahmt war, weil alle gelacht haben, weil der Protest nicht als Stopp gehört wurde. Von außen war es harmlos, von innen Übermacht und Nicht-weg-Können.
Beschwerden treten außerdem oft erst Jahre später auf, wenn eine ganz alltägliche Situation eine alte Linie so deutlich anschaltet, dass sie nicht mehr zu übersehen ist. Umgekehrt gilt genauso: Aus dem bloßen Fehlen einer Erinnerung folgt auch kein Trauma.
Die Übergänge sind fließend, und Mischformen sind der Normalfall. Dasselbe Ereignis kann bei einer Person zu Ende laufen und bei einer anderen abbrechen, je nach Vorerfahrung, Alter, Erschöpfung, je nachdem, ob jemand da war und ob eine Reaktion überhaupt möglich war.
Diese Unterscheidung hat praktische Folgen. Wo eine starke, aber abgeschlossene Reaktion vorliegt, braucht es keine Aufdeckung, sondern Arbeit an Regulation, Atemmuster und Selbstwirksamkeit, oft in wenigen Sitzungen. Wo eine Schockreaktion vorliegt, geht es darum, den abgebrochenen Ablauf nachträglich zu Ende laufen zu lassen, in einem Rahmen, in dem das möglich ist.
Beides falsch zuzuordnen kostet etwas. Wird eine normale starke Reaktion zum Trauma erklärt, entsteht ein Problem, das vorher keines war. Wird eine Schockreaktion als bloße Nervosität behandelt, bleibt das Muster bestehen und wird durch Techniken zusätzlich überdeckt.
Wenn Ihre Beschwerden bereits abgeklärt sind und trotzdem bleiben, ist eine Terminanfrage der nächste Schritt. Termin anfragen
Aus dem Aussetzer selbst lässt sich die Ursache nicht ablesen
Die Beschreibung, mit der dieser Text beginnt, trifft auf fast alle Betroffenen zu, und genau darin liegt das Problem: Sie passt auf mehrere sehr verschiedene Vorgänge.
Bevor die möglichen Ursachen kommen, lohnt ein eigener Blick darauf. Denken Sie dafür nicht an den schlimmsten Aussetzer, sondern an einen typischen.
Was geschieht in den Sekunden davor? Werden die Schultern höher? Verändert sich die Atmung? Wird der Blick enger, oder rückt die Umgebung weiter weg? Gibt es einen Impuls, wegzugehen, festzuhalten oder einfach weiterzufunktionieren?
Und was geschieht danach? Sind Sie sofort wieder im Programm, oder braucht Ihr Körper Minuten, um wirklich zurückzukommen?
Falls sich das Nachvollziehen unangenehm anfühlt, lassen Sie es an dieser Stelle. Es ist kein notwendiger Schritt.
Was Sie dabei bemerken, beantwortet die Ursachenfrage nicht. Aber es kann sichtbar machen, ob der Aussetzer wirklich aus dem Nichts kommt, oder Teil eines wiederkehrenden Ablaufs ist. Für die ärztliche Einordnung sind genau solche Beobachtungen häufig wertvoller als die Erinnerung an das Ereignis selbst.
- Bei einer Hyperventilation kann der CO₂-Abfall die Hirngefäße verengen; bei Kreislaufreaktionen kann die Durchblutung des Gehirns vorübergehend abnehmen. In beiden Fällen kommt das Wegtreten meist langsam und oft mit Vorwarnung: Kribbeln, Schwarzwerden vor den Augen, weiche Knie.
- Bei einer typischen epileptischen Absence setzt das Bewusstsein meist abrupt aus und kehrt ebenso abrupt zurück, in der Regel ohne Vorwarnung und ohne dass die Sekunden nachträglich zugänglich werden.
- Bei einem funktionellen oder dissoziativen Ereignis verändert sich die Regulation, ohne dass sich eine strukturelle Ursache findet. Der Ablauf ist oft länger und variabler.
- Und manchmal steht am Anfang eine alte, nicht abgeschlossene Erfahrung, die sich heute in bestimmten Situationen meldet.
Von innen fühlen sich diese Vorgänge ähnlich an. Deshalb lässt sich aus dem Erleben allein nicht schließen, was vorliegt.
Das ist keine schlechte Nachricht, sondern der Grund für die Reihenfolge: erst die Abklärung, die diese Möglichkeiten auseinanderhält, dann die Frage, woran sich sinnvoll arbeiten lässt. Wer diesen Schritt überspringt, arbeitet unter Umständen monatelang an der falschen Ebene.
Der Kreis, der sich selbst füttert
Es gibt eine Ebene, die Tiere nicht haben: die Angst vor der eigenen Reaktion. Man spürt Herzrasen und bekommt Angst vor dem Herzrasen. Genau das macht solche Muster hartnäckig.
Bei Aussetzern schließt sich daraus schnell ein Kreis: Die Sorge vor dem nächsten Wegtreten erzeugt Anspannung. Die Anspannung hebt die Schultern und verflacht die Atmung. Die veränderte Atmung kann Benommenheit begünstigen und bestätigt damit die Sorge. Dieser Kreis läuft unabhängig davon, was ursprünglich am Anfang stand. Er ist deshalb oft der erste sinnvolle Ansatzpunkt, lange bevor die Frage nach Trauma überhaupt entschieden werden muss.
Was Sie zur Abklärung mitbringen können
Ärztliche Diagnostik wird erheblich präziser, wenn Beobachtungen vorliegen statt nur Erinnerungen. Notieren Sie deshalb nach jedem Ereignis kurz, am besten noch am selben Tag:
- Uhrzeit, Ort, Situation, und was in den zehn Minuten davor war: Stehen, Aufstehen, Hitze, Streit, Anstrengung, langes Sitzen, nüchtern.
- Gab es eine Vorwarnung? Kribbeln, Schwarzwerden, Wärme, Übelkeit, Enge, ein verändertes Gefühl im Bauch, oder kam es unmittelbar.
- Wie lange dauerte es, geschätzt in Sekunden. Und wie lange dauerte es danach, bis Sie wieder ganz da waren.
- Was Anwesende beobachtet haben: Blick, Zucken, Sturz, Hautfarbe, Ansprechbarkeit, Nachschlaf. Fremdbeobachtung ist diagnostisch oft wertvoller als die eigene Wahrnehmung.
- Wie häufig, seit wann, und ob sich etwas verändert hat.
Falls jemand dabei ist und es die Situation zulässt: eine kurze Handyaufnahme des Ereignisses. Für die neurologische Einordnung ist das häufig das aussagekräftigste Einzelstück.
Häufige Fragen
Können Absencen psychische Ursachen haben?
Epileptische Absencen nicht. Es gibt jedoch anfallsartige Ereignisse, die ihnen ähneln und bei denen psychische oder stressbezogene Faktoren eine Rolle spielen. Welche Form vorliegt, klärt die neurologische Diagnostik.
Bedeutet ein Aussetzer, dass ich ein Trauma habe?
Nein. Aus einem Symptom lässt sich keine Ursache ableiten. Eine heftige Körperreaktion ist für sich kein Beleg für ein Trauma.
Kann Hypnose Epilepsie behandeln?
Nein. Hypnose ersetzt weder Diagnostik noch Medikation. Sie kann bei funktionellen Symptomen und bei Stressreaktionen ergänzend sinnvoll sein.
Alle Befunde sind unauffällig: was nun?
Ein unauffälliger Befund bedeutet nicht, dass nichts ist. Sind die notwendigen Befunde unauffällig, können (je nach ärztlicher Einschätzung) zusätzlich Atmung, Anspannung, Kreislauf, funktionelle Reaktionen und Belastung in den Blick kommen. Genau dort lässt sich therapeutisch arbeiten.
Ich erinnere kein belastendes Ereignis. Spricht das dagegen?
Nein, und es spricht auch nicht dafür. Beides lässt sich nur im Verlauf klären, nicht vorab entscheiden.
Wenn Sie etwas Eigenes wiedererkannt haben
Vielleicht haben Sie beim Lesen etwas Eigenes wiedererkannt, aber keine eindeutige Ursache gefunden. Dann haben Sie diesen Text genau richtig gelesen.
Vielleicht merken Sie: Mein Körper macht etwas, bevor ich bewusst entscheide.
Vielleicht: Aus bestimmten Situationen komme ich nie wirklich wieder herunter.
Vielleicht: Ich funktioniere hervorragend, und trotzdem scheint mein Körper ständig auf etwas vorbereitet zu sein.
Oder: Es gibt Situationen, in denen meine Reaktion viel älter wirkt als der Anlass vor mir.
Das sind keine Diagnosen. Es sind Unterschiede, und mit Unterschieden lässt sich arbeiten.
Wenn Sie an dieser Stelle etwas wiedererkennen, lohnt sich ein Gespräch, auch dann, wenn Sie noch nicht sagen können, worum es genau geht. Termin anfragen
Den tieferen Ursachen nachgehen: Hypnose und Körperpsychotherapie bei Absencen, Wegtreten und Anspannung
Keines dieser Verfahren ersetzt eine neurologische Behandlung. Sie setzen auf einer anderen Ebene an: bei Aufmerksamkeit, Körpererleben, Erwartung und emotionaler Reaktion, also dort, wo Anspannungs- und Reaktionsmuster entstehen und aufrechterhalten werden.
Nachgehen heißt dabei nicht, dass am Ende die eine verborgene Ursache steht. Es heißt, ergebnisoffen zu untersuchen, was an Ihrem Muster beteiligt ist, und dort anzusetzen, wo sich etwas bewegen lässt. Welches Verfahren zum Einsatz kommt, richtet sich danach, was sich zeigt. In der Regel greifen mehrere ineinander:
- Körperpsychotherapie und Atemarbeit. Wo die Grundspannung im Vordergrund steht, arbeite ich körperpsychotherapeutisch und über die Atmung. Ziel ist, dass das Atem- und Anspannungsmuster spürbar und veränderbar wird, bevor es in Benommenheit kippt, nicht durch Herunterdrücken der Schultern, sondern indem der Unterschied wieder wahrnehmbar wird.
- Feldenkrais und sensomotorisches Lernen. Wo die Wahrnehmung für die eigene Bewegung und Haltung stumm geworden ist, arbeite ich mit kleinen, achtsamen Bewegungen nach Feldenkrais. Das ist genau die Ebene, die weiter oben beschrieben wurde: Wer nicht unterscheiden kann, hat keine Wahl. Differenzierung geht der Veränderung voraus.
- Hypnose. Situationen, die bisher automatisch Alarm auslösen, werden in Trance neu durchlaufen und anders besetzt, in einem Zustand, in dem der Körper mitgeht, statt dass nur darüber nachgedacht wird.
- Aufdeckende Hypnose. Wo sich tatsächlich unabgeschlossene Erfahrungen zeigen, wird die abgebrochene Reaktion integriert, ergebnisoffen, ohne dass ein Trauma vorausgesetzt wird, und mit gleichzeitiger Arbeit an Ihren Ressourcen.
- Gespräch. Zwischen den Sitzungen und um sie herum wird eingeordnet, was sich verändert hat und was das für den Alltag heißt. Ohne diesen Teil bleibt Veränderung im Behandlungszimmer.
Bei funktionellen neurologischen Symptomen und stressbezogenen Reaktionsmustern können diese Verfahren ergänzend eingesetzt werden. Voraussetzung ist, dass notwendige neurologische Diagnostik und Behandlung dadurch nicht ersetzt werden. Deshalb verspreche ich Ihnen an dieser Stelle keine bestimmte Wirkung, sondern beschreibe, woran gearbeitet wird.
Was in dieser Arbeit nicht passiert
- Es wird kein Trauma unterstellt, weil ein Symptom vorliegt.
- Erinnerungen, die in Hypnose auftauchen, werden nicht als objektiv gesicherte Tatsachen behandelt.
- Notwendige neurologische oder medikamentöse Behandlung wird nicht ersetzt und nicht in Frage gestellt.
- Es werden keine Heilungsversprechen gemacht.
Der Rahmen
Die Arbeit findet in Einzelsitzungen à 90 Minuten in meiner Praxis in München statt. Vor Beginn klären wir, was neurologisch bereits abgeklärt wurde und was gegebenenfalls noch abzuklären ist. Erst danach entscheidet sich, ob und woran sinnvoll gearbeitet werden kann, und mit welchem der Verfahren begonnen wird.
Ein erster Schritt. Bringen Sie Ihre Befunde mit. Wir gehen zu Beginn durch, was untersucht wurde, was offen ist und woran sich sinnvoll arbeiten lässt. Einzelsitzungen à 90 Minuten in München.
Absence, Synkope oder dissoziativer Anfall: was ist der Unterschied?
Diese drei Ereignisse werden regelmäßig verwechselt, und die Verwechslung hat Folgen, weil sie völlig unterschiedlich behandelt werden. Die folgende Übersicht ist eine Orientierung und keine Diagnose. Kein einzelnes Merkmal beweist etwas, und die Abgrenzung erfolgt fachärztlich, bei unklaren Fällen über ein Video-EEG.
| Merkmal | Epileptische Absence | Synkope (Ohnmacht) | Funktioneller oder dissoziativer Anfall |
|---|---|---|---|
| Beginn | abrupt, ohne Vorwarnung | meist mit Vorzeichen: schwarz vor Augen, Übelkeit, Schwitzen | häufig allmählicher, oft situationsgebunden |
| Dauer | meist Sekunden | meist unter einer Minute | oft deutlich länger, Minuten bis selten länger |
| Während des Ereignisses | Blick starr ins Leere, Reaktion ausgesetzt, manchmal kleine automatische Bewegungen | Sturz, blasse Haut, schlaffer Muskeltonus | sehr variabel, Augen häufig geschlossen, wechselnder Verlauf |
| Danach | übergangslos wieder da, meist ohne Verwirrtheit | rasche Erholung im Liegen, oft Müdigkeit | Erholung oft langsamer, Erschöpfung, Erinnerung bruchstückhaft |
| Auslöser | bei manchen Formen Hyperventilation oder Flackerlicht | langes Stehen, Hitze, Schmerz, Blutentnahme | häufig Belastung, Konflikt, Überforderung; nicht immer erkennbar |
| Diagnostischer Weg | EEG, bei Bedarf Video-EEG | Kreislaufdiagnostik, EKG, Kipptisch oder Schellong-Test | Video-EEG mit Aufzeichnung eines Ereignisses, klinische Zeichen |
Wichtig an dieser Übersicht ist vor allem, was sie nicht leistet. Funktionelle und dissoziative Anfälle sehen epileptischen Ereignissen teilweise zum Verwechseln ähnlich, und sie kommen auch gemeinsam mit einer Epilepsie vor. Die Unterscheidung nach Schilderung allein ist unzuverlässig, und genau deshalb ist die fachärztliche Abklärung nicht verhandelbar.
Und ein Satz, der Betroffenen oft fehlt: Ein funktioneller oder dissoziativer Anfall ist kein Simulieren und keine Einbildung. Das Ereignis läuft unwillkürlich ab. Es entsteht auf der Ebene der Regulation statt auf der Ebene der Struktur, und genau dort lässt sich damit auch arbeiten.
Anmerkung und Literatur
Anmerkung
Neu aufgetretene Aussetzer, Bewusstseinsstörungen oder anfallsartige Ereignisse gehören zuerst in die neurologische Abklärung. Dieser Artikel ersetzt keine Diagnose und keine Behandlung.
Literatur
- Deutsche Gesellschaft für Neurologie: Leitlinie Erster epileptischer Anfall und Epilepsien im Erwachsenenalter, AWMF-Registernummer 030-041.
- Deutsche Gesellschaft für Neurologie: Leitlinie Synkopen, AWMF-Registernummer 030-072.
- Deutsche Epilepsievereinigung: Informationsmaterial zu dissoziativen Anfällen.
- Stone, J., Burton, C. & Carson, A. (2020): Recognising and explaining functional neurological disorder. BMJ, 371:m3745.
- Espay, A. J. et al. (2018): Current concepts in diagnosis and treatment of functional neurological disorders. JAMA Neurology, 75, S. 1132-1141.
- DKPM, DGPM, DEGAM et al. (2018): S3-Leitlinie Funktionelle Körperbeschwerden, AWMF-Registernummer 051-001.
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